Jack the Ripper Schwabacher Tagblatt

Hauptkategorie: Presse
in 2013

SCHWABACH  - Das Londoner East End liegt nun in der nördlichen Schwabacher Altstadt. Um den Pinzenberg als Armutsviertel „Whitechapel“ treibt ein Serienmörder sein Unwesen. „Jack the Ripper“ soll dort auf bestialische Weise fünf Prostituierte umgebracht haben. Gehört auch Mary Jane Kelly zu seinen Opfern oder ist der Tod des Freudenmädchens vielmehr das tragische Ende eines Eifersuchtsdramas?

Nach einer Vorlage von Cornelia Wagner hat Karlheinz Odörfer, Chef des Schwabacher Laienensembles „Theatrum Mundi“, den Stoff um die Londoner Morde aus dem Jahr 1888 für ein erstaunliches Open-Air-Schauspiel adaptiert.

Im Londoner Nebel

Die Transformation der Schauplätze in die fränkische Provinz macht die Darstellung höchst greifbar. An vier realen Stationen wird die Altstadt zur Kulisse. Die Premiere am Freitag war darstellerisch und technisch fast perfekt. Als es am Beginn kurz zu nieseln begann, wurde die Szenerie höchst authentisch. Lediglich die Londoner Trübnis kam aus der Nebelmaschine.

Gut zwei Stunden spielen die Szenen vor der Musikkneipe Kabuff und am hinteren Pinzenberg, wo die Polizei-Zentrale ihren Sitz unter einem mit schwarzer Gaze verhängten Baugerüst hat. Die Gasse wird vor dem Leitner-Bräu zur Dorset Street. Dort wohnt Mary Jane und geht ihrer Arbeit nach. Das Stück endet in der Galerie Gaswerk. In Marys Schlafzimmer kündet das blutgetränkte Laken von einem neuen Mord.

Zuvor waren bereits vier andere Prostituierte ermordet worden. Scotland Yard tappt im Dunklen. Die Zeitungen überschlagen sich.

Mehr als nur ein Problem

Ein äußerst glaubhafter Tobias Mayer als Joe Barnett und die unaufdringliche, aber sehr präsente Germaine Stiles als Mary Jane Kelly sind ein Liebespaar mit Problemen. Er ist arbeitslos und ständig eifersüchtig. Sie gibt ihm jede Menge Anlass dazu. Denn Mary verdient ihr Geld, indem sie gelegentlich Männer verwöhnt. Um das auszuhalten, trinkt sie übermäßig. Doch Mary hat nicht nur Konflikte mit ihrem Liebhaber. Wegen Mietschulden sitzt ihr der Hausbesitzer im Genick.

In einer ähnlichen Situation befindet sich Inspektor Aberline (Christian Pfeiffer). Sein Vorgesetzter will endlich Erfolge bei den Ermittlungen sehen. Robert Simmons, Reporter des „Star“, bedrängt ihn unablässig auf der Jagd nach neuen Schlagzeilen. Die Dialoge der beiden sind herrlich schräg und mit jeder Menge Ironie gespielt.

Christian Ostermeier als Simmons ist der typische Sensationsjournalist ohne jedes Interesse an echten Fakten. Aberline repräsentiert den Kopf einer überforderten, von der Öffentlichkeit als unfähig betrachteten Staatsmacht. Entsprechend geht es in der Polizeistation zu. Als dort ein gewiss gefälschtes Bekennerschreiben eingeht, ist der populäre Name des Killers geboren: Unterzeichnet wurde der Brief mit „Jack the Ripper“. Jakob, der Aufschlitzer.

Geheimnisvoller Fremder

Marys Vermieter will Geld sehen. Also ist sie trotz polizeilicher Warnungen mit ihrer Freundin auf den dunklen Straßen des East Ends unterwegs. Dort tritt zum wiederholten Male ein geheimnisvoller Fremder (der teuflisch gute Moritz Kraus), ganz in Schwarz und mit gepflegtem Äußeren, ins Geschehen. Er wird Marys Freier. Sie nimmt ihn mit in ihre Wohnung.

Am nächsten Morgen ist Mary tot. Ob der Fremde der Ripper sein kann, ob er überhaupt Marys Mörder ist, das bleibt so wie in der Historie im Dunklen. Bis heute ist nicht geklärt, wer überhaupt die fünf leichten Mädchen umgebracht hat, ob alle Frauen dem selben Mörder zum Opfer fielen und ob noch weitere Morde auf sein Konto gehen.

Allein die Arzt-Tasche des Fremden in Schwarz könnte ein Indiz sein. Alle Ermordeten waren nämlich übel verstümmelt. Einigen wurden sogar Organe entnommen. Marys grausam zugerichteter Leiche fehlte das Herz.

Teuflisches Grinsen

Die abschließende Vernehmung von Joe Barnett jedenfalls verunsichert nicht nur Inspektor Aberline. Joe hat für die Tatzeit ein wasserdichtes Alibi. Am Tatort aber wurde seine Pfeife gefunden. Der geheimnisvolle Fremde bleibt ohnehin unbehelligt. Simmons ist der letzte, der mit ihm spricht, ehe er mit wallendem Cape verschwindet. „Für mich wird es eine angenehme Nacht“, ruft er und grinst schon wieder teuflisch.

Hochverdienter und langanhaltender Applaus mit einigen Bravos.

Robert Schmitt - Schwabacher Tagblatt