900 Jahre passen doch nicht ganz in 99 Minuten

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1632: Schwabach wird im Dreißigjährigen Krieg von Wallensteins Truppen belagert und geplündert. Der feige schwedische Rittmeister Ebener (M.) verlässt rechtzeitig die Stadt. © Fotos: Wolfram Göll

Allerdings war es offenkundig nicht möglich, all dies in die angekündigten 99 Minuten zu packen, die wohl eher symbolisch zu verstehen waren. Es wurde letztlich eine wahre Mammut-Inszenierung in 13 Kapiteln an neun Schauplätzen in der Altstadt, die Bruttodauer von über drei Stunden sprengte das Maß eines herkömmlichen Theaterabends und forderte allen Beteiligten – den knapp 40 Schauspielern, den Technikern, Musikern und Feuerzauberern wie auch den Zuschauern – einiges an Kondition ab.

Einmal Marktplatz und zurück

So ging es vom Bürgerhaus zum Mönchshof, mehrmals zum Marktplatz, dann zur Franzosenkirche, in den früheren Luftschutzbunker im Reichelskeller, ins fünfte Untergeschoss der Tiefgarage und so weiter. Langweilig wurde es jedenfalls nie, und umfangreiche Abendbewegung an frischer Luft lieferte das Theaterensemble den Zuschauern gleich mit. Das Lied, das das Ensemble in der Pause in der Stadtkirche sang – "Atemlos durch die Stadt" frei nach Helene Fischer – traf in dieser Hinsicht jedenfalls zu.

Trotz der riesigen Fülle an dargestellter Geschichte lief der Abend im Wesentlichen doch entspannt ab: In der halbstündigen Pause blieb Gelegenheit zu einem Wein oder einem Bier auf einer der Marktplatz-Terrassen. Die Witterung passte dazu – leider schloss das Eiscafé am Marktplatz just zur Pause. Viele Besucher nutzten indes den Ausflug zum Mönchshof zu einem schnellen Waffeleis.

Die 13 Kapitel begannen – wie könnte es anders sein – mit den Mönchen aus dem Kloster Zwiefalten, die Schwabach 1117 erstmals erwähnten. Hier im Bürgerhaus waren es gleich zwölf Mönche, die die nachfolgenden zwölf Kapitel mit je einer Phrase ankündigten: "Menschliche Abgründe, Wahn, Grausamkeit. Es ist genug!", so fassten sie die frühere Geschichte Schwabachs zusammen.

Ein Kasperletheater

Dann ein kleiner Ausritt in die große Geschichte – ironisiert durch die Darstellung als Kasperletheater am Tor des Apothekergartens: Papst Clemens III. überzeugt Kaiser Barbarossa, Richard Löwenherz und Philipp von Frankreich zum dritten Kreuzzug – auch wenn der nicht 1138 begann, wie im Programmheft vermerkt, sondern 1189. Die Muslime "Murat" und "Ümut" redeten miteinander "voll krass" – fast im Stil der Kabarettisten Erkan und Stefan.

1797: Johann Wolfgang Goethe besucht Schwabach, Heimatdichterin Else Opitz heißt ihn willkommen.

Zwei historische Ereignisse führte das Ensemble im Stil eines Historienspiels auf, mit aufwändigen Kulissen und teilweise mit Massenszenen: Die Verleihung der Stadtrechte 1371 und die Belagerung im Dreißigjährigen Krieg 1632, letztere allerdings gleich in drei Kapitel an drei Schauplätzen aufgeteilt: Am symbolisch nachgebauten Mönchstor und Landsknechtslager auf dem Martin-Luther-Platz mit weithin hörbarem Kanonenschuss, dann am Mönchshof mit einem cholerisch herumbrüllenden Wallenstein, und schließlich vor dem Rathaus unter der Statuette von Anna Wolf, die den Bürgermeister Driller versteckt hielt und ihm so das Leben rettete.

Bereits zuvor wurde die Hexenverbrennung der Barbara Schwab 1505 – skurrilerweise im Stil einer TV-Debatte bei "Anni Schrill" mit dem anklagenden Kaplan Pürkel – thematisiert sowie die Ausarbeitung der Schwabacher Artikel von 1529 im "Goldenen Stern", eine der wichtigsten Grundlagen des lutherischen Bekenntnisses. Hierzu schritten symbolisch Martin Luther und der Schweizer Reformator Huldrych Zwingli auf einem roten Teppich einher und stritten über die Natur des Abendmahls mit Brot und Wein: Reale Präsenz Christi oder nur Symbol?

Kreative Formen

Historienspiel, TV-Debatte, Kasperletheater – die Darstellungsformen waren sehr kreativ gewählt. Später kam das "Schwabacher Wunderkind" Jean-Philippe Beratier in einem Monolog zu Wort, im Reichelskeller lieferten sich 1848er Revoluzzer einen sprachakrobatischen Trialog, der vor allem aus Orts- und Personennamen bestand. Heimatdichterin Else Opitz traf sich mit Dichterfürst Goethe zu einem heimeligen Tete-a-tete unter der Laterne vor der Franzosenkirche. Immer wieder gab es Multimedia-shows mit historischen Bildern, Musik und eingespielten Erklärungen aus dem Off.

Schließlich vollführten die "Schwabacher Ratschkattln" gemeinsam mit Opitz am Schönen Brunnen einen gewagten verbalen Schnelldurchlauf durch 200 Jahre Aufbruch Schwabachs in die Gegenwart mit der Industrialisierung – rund 20 Ereignisse von 1717 bis 1918 in einem Aufwasch. Der Schrecken der Weltkriege samt Bombenangriff von 1941 wurde in der gruselig ausgeleuchteten Tiefgarage mit einer eindringlichen Multimediashow spürbar, ehe das große Finale auf einer gemeinsamen Showbühne die Buntheit Schwabachs der Gegenwart besang.

In mehreren Rollen

De Hauptdarsteller traten gleich mehrfach ins Rampenlicht – in unterschiedlichen Rollen: Dekan Klaus Stiegler als Ratsherr, Bürgermeister Driller, Huldrych Zwingli und Hugenott, Stadtrat Eckhard Göll als Burggraf Friedrich V., Wallenstein und besoffen-schwitzender Hauptmann der Miliz 1848, Heidi Tratz als immer wieder erklärend und vermittelnd eingreifende Else Opitz, sowie – natürlich – der Regisseur höchstselbst: Karlheinz Odörfer gab den Hexen-Kaplan Pürkel, den Anführer der 1848-Revoluzzer sowie einen der Weltkriegs-Soldaten in der Tiefgarage, sang die meisten Lieder selbst und hatte gleichzeitig immer die Gesamt-Performance unter Kontrolle. Insgesamt ein praller, vollgepackter Abend bester historischer Unterhaltung. 

WOLFRAM GÖLL